20/12/07

Ich muss ständig mein Gesicht sehen, von Adela Greceanu

Ich muss ständig mein Gesicht sehen. In Schaufenstern, in Spiegeln, in den U-Bahnfenstern, wenn der Zug in den Tunnel hineinfährt. Überall wo ich auf eine glänzende Fläche stoße, die mich widerspiegeln könnte, bin ich nicht im Stande, der Verlockung zu widerstehen. Das gibt mir Sicherheit. Ich zweifle immer daran, ob ich gut aussehe, ob ich mich richtig benehme, ob ich ausreichend vornehm und reizend bin.

Die Menschen, mit denen ich viel gelacht habe, sind mir äußerst wichtig, egal ob das nur zufällig war.

Wie kann man ein Lächeln übersetzen? Ich habe einmal von meinem Fenster aus eine Katze angelächelt. Sie sah mich nicht. Plötzlich begann sie zu miauen und verwirrt um sich zu blicken.

Er ist nicht glücklich, trotzdem lachen wir viel miteinander.

Deine halbgeöffneten Lippen sind ein Auge, das mich in sich aufsaugt; es projiziert mich auf seinen intimsten Bildschirm. Dieses Auge braucht keinen Blick, es hat eine Pupille wie ein Schröpfglas, in der ich mich so gut wie möglich einrichte. Sein warmes Auge nimmt mich in sich auf, nicht mein Blind, wie es andere Augen tun. Dieses Auge überholt den Blick und es beschlagnahmt mich vor der Wirklichkeit. Ich bin gut aufbewahrt.

Die Münder der Nerven enden nicht in den Fingerspitzen. Sie schicken dir gute Nachrichten und Gelächter.



ADELA GRECEANU



Nein, seine Musik erreicht mich nicht durch die Ohren. Ich bin von ihr durchtränkt. So wie jene Tiere, die mit der Haut atmen. Ich weiß nicht, ob ich die Töne höre oder ob ich sie sende.

Wenn wir leiden, weil uns etwas genommen wurde, heißt das, dass dieses Etwas das Glück war? Obwohl wir damals, als es uns noch gehörte, dieses Etwas nicht als das Glück erkannten?

Die Sonne war ein dicker Strich. Sie schlich in mein Zimmer, sprach von den vielen Lebensweisen der Töne. Töne und Licht bildeten zusammen eine wasser – und feuerbeständige Paste, mit der wir alles anstrichen. Über dem Lächeln blieb immer eine dickere Schicht.

Eines seiner Lieblingsbilder ist das eines Bechers, den er fallen ließ und der nach dem Regen eine Zeitlang in der Luft schwebte. Als ich daran dachte, zerbrach ich das Glas, das ich gerade spülte.

Des Öfteren riechen Frauengespräche nach Tod. So wie Schminke. Das verführt die Männer gleichzeitig und verängstigt sie. Mein Meer riecht nach Zimt. Ringsherum grün. Sie trägt schwarze Seidenstrümpfe und hohe Absätze. Dieser mein Jemand, blond und warm, erstarrt vor Begeisterung.

Ich werde meinen Todespol für dich zähmen. In der schönen Burg sind die Häuser dicht aneinander geklebt. Zwischen ihnen kann sich keine Zeit einschleichen. Der Raum ist dicht. Voll mit Dimensionen.



Durch den unberührten Schnee kommt mir ein Kornfeld entgegen, breit wie der Rücken eines Mannes.

Ich beginne immer mehr in dem Raum zu wohnen, wo das Gedächtnis überflüssig wird.

Zwischen den Worten dieses Textes ist noch eine Schrift, die mehr weiß, eine Schrift, die das Blatt durchtränkt wie Öl ein Gewebe. Ein flüssiges Geheimnis. Die Schrift gleicht den Kirchenfenstern, man sieht sie besser, wenn das Licht abnimmt.

Ich befreie alle Vögel. Sowohl die rotgeflügelten Schwarzen, als auch jene, die dünnen Teppichen gleichen und ihre Farben wechseln indem sie sich bewegen.

Ich werde diesen Vogel aufbrechen um in ihn einzudringen.

Mein Körper war eine Spaltung im Wald. Eine weiße Wunde; ringsherum rauschte das Grün. Ich war die innere Haut des Waldes, eine Tasche in diesem einzigartigen Kleid. Welch eine Freude, den Geschmack der Blätter mit dem ganzen Körper zu kosten! Ich war mit Papillen beschmückt. Die Luft ist der dichteste Stoff, den es gibt. Sie betritt unser Herz wie ein Verstehen.

Als sie die Pfefferschachtel nahm, sagte sie : “Du, ich spüre in mir eine wahnsinnige Lebenslust…” “Na, dann…Komm!”

“Was würdest du tun, wenn du ein großes Haus hättest?” “Ich würde es mit Sachen füllen.” Zwischen den Sachen rinnt eine lebenswichtige Flüssigkeit, die fest wird, die sie einmauert.



Er ist eine Schule. Ich lerne schreiben als schriebe ich nicht.

Ich sah eine Flamme, die ich eventuell ins Wort “gelb” einnisten könnte.

Es gibt solche Morgenstunden wie diese zum Beispiel, wo ich der Hündin meines Hirns in die Augen schauen könnte und einsehen müsste: das Bewusstsein äfft das Unbewusstsein nach.

Wirft man einen Stein durch die Luft, altert er: “Wieso liebäugelst du mit den Steinen, den Pflanzen, den Bäumen…?”

Egal wie er zu mir kommt, als Flüssigkeit, als Lehm oder als spielender Geist – was er einmal berührt hat, wird immer zu Stein.

Manchmal finden wir den Steg nicht; dann sind wir gezwungen das Wasser aus dem einen Fass in das andere zu schütten.

Ich respektiere seine Angst. In einer Nacht lief er davon. Ich lief ihm nach, konnte aber nicht seiner habhaft werden. Kommst du zurück, rief ich hinter ihm her. Ohne stehen zu bleiben sagte er: Ja. Dann tat ich, was getan werden musste: ich lief so schnell ich konnte in die entgegengesetzte Richtung.


Ruhig und unbewölkt. Nein, so bin ich nicht. Doch siehe da, jetzt, wenn ich zufällig die Zehen des linken Fußes mit den Fingern der linken Hand drücke, erreiche ich Ruhe. Dann spreche ich mit dem Mund meines Nackens, der mich niemals im Stich lässt. Und ich sehe die hellen Umrisse kleiner Wesen, die sich in den Taschen der Luft befinden.

Nein, gut ist es nicht, wenn ich mich im Zimmer hin und her bewege, wenn ich auf einem Stuhl hocke und den Himmel hinter den dürren Ästen anstarre. Gut ist es, wenn ich mir die Zähne putze und er singt und dann bin ich ein Körper, der lebendig ans Ufer gebracht wird.

« Du bist eine Jazz-Poetin. »

Immer, wenn ich durch unendliche Felder flaniere, denke ich auf dem Rückweg, dass ich so viele Sachen von dort hätte mitnehmen können. Heute habe ich heute tatsächlich etwas mitgebracht. Nicht Himbeeren, nicht wilde, gelbe Schwertlilien, nicht Meerwasser, nicht Muscheln; nichts von dem was ich am liebsten mag. Ich habe die Riesin mit den sieben Röcken mitgebracht. Sie wird bei mir bleiben, solange es nötig ist.

Die Verliebten sprechen viel über sich. Er sagt mir alles. Ich höre zu und frage: “Bin ich deine Geliebte?” “Ich habe keine Geliebte und will auch keine mehr haben. Du bist mehr als meine Geliebte.” Ich wusste, dass dieses «mehr als Geliebte » eigentlich kein Liebkosen war. Es kündigte sogar viel Leid an.

Was für ein Weg drückt sich mir in die Fersen, wenn ich auf dem Bauch liege?

Jemandem, der ständig auf meiner Spur war, sagte ich einmal: Ja, bitte, wenn es ums Leben geht, meinetwegen…, aber lassen Sie meinen Tod in Frieden!

ADELA GRECEANU

In seiner Pupille sah ich mich gehen. Fühlte mich unrein, als hätte ich eine Zeit lang ins Fleisch gegrübelt.

Ich sterbe immer wieder und kehre dann doch zurück. Ich gehe weg von zu Hause, ich schlafe bei Freunden und, wenn ich heimkomme, beginnt alles von neuem.

Ich ging die Straße, in der ich wohne, entlang. Es war nicht unbedingt an einem Nachmittag. Stille überall. Von der anderen

Seite der Straße schaute mich ein Haus an. Über seinem Dach lag ein Himmel, der sich mir näherte. Ich konnte ihn betreten.

Dort drinnen in mir stoßen die Flammen zusammen. Sie stehen nicht gerade.

Manchmal dringt die Wirklichkeit in die Vorstellung wie in einen jungfräulichen Raum ein.

Ein barocker Morgen in meinen Zimmern oberhalb der Stadt; das Blaue vermischt sich mit dem Licht wie zwei Speichel.

Wenn das Blut unter deiner Haut sichtbar wird, heißt es, dass du noch lange leben wirst.

“Wieso bist du immer so heiter wie ein Himmel ohne Wolken? Glaubst du im Paradies zu sein? Komm schon herunter!” In einer Zeit weinte ich jeden Abend. Die Kerze und ich löschten uns des Nachts am Küchentisch aus. Bis ich keine Angst und keine Verzweiflung mehr spürte. Ich saß dort auf dem Bett wie eine leere Schachtel. Wusste nicht einmal wohin ich verschwunden war. Und dann kamen die Fledermäuse. Ich stellte mich tot. Meine Venen verwandelten sich in ein Labyrinth. Meine Lungen waren nicht mehr zu erkennen, auch mein Schlaf nicht. Man sah draußen nichts. Denkst du, dass mir das Spaß macht, nicht links und nicht rechts spucken zu können, nicht meine Venen zu öffnen? Denkst du, dass mir das Spaß macht, nicht im Stande zu sein eine Himmelsfahrt zu unternehmen, um von dort meine Mitmenschen mit lauter Freude und Licht zu begießen? Weil ich nicht gut und nicht schlecht bin. Ich bin nur gut erzogen. Vor dem Tod fürchte ich mich wie vor einer strengen, kategorischen Mutter, die genau weiß, was für mich gut ist. Und alles in allem sagt man mir, ich sei vornehm. Aber jetzt habe ich keine Lust zu erklären warum.”

Ich möchte fließen, leicht über Steine hüpfen und Fische hinter mir lassen, immer mehr Fische, Eltern gleich.

Wenn ich nicht mehr wissen werde wohin, bleibt immer noch etwas Weißes übrig, wo ich mich verstecken könnte. Sagen wir mal die Haut eines Hemdes.

Als ich Fisch briet, sagte er zu mir: “Jetzt bist du gerettet. So niedlich siehst du aus, hast auch eine Spur von Mehl auf der Schulter. Kommst du vom Himmel?"


Traducerea: Nora Iuga

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